Lieber Lämmchen

 

Am liebsten Lämmchen

Böen wuchten sich unter den Wagen. Ihn schaudert. Falls der Sturm abflaue, würde die Fähre noch rausgehen, hieß es. Durch die Windschutzscheibe stiert er lange auf die plattgrüne Deichschulter, Schafe hätte man sich jetzt dort gewünscht, am liebsten Lämmchen. Er klickt das Autoradio durch, viel kann man nicht empfangen, bei einem dänischen Sender findet er Trost, eine Wortsendung, es ist die Melodie der Sprache, die ihn einlullt, Dänisch kann er nicht. Ein Klapperstakkato lässt ihn zusammenfahren. Leere Dosen scheppern über die weite Hafenmole, die jetzt für Fahrzeuge gesperrt ist.

Die Neonreklame am Hotel flackert auf, Strom also gibt es. Unten sieht man den Bettentrakt, später müsste er dort einziehen. Im ersten Stock liegt seine Zuflucht, die Gaststätte mit den Panoramafenstern. Man riecht grüne Heringe, angedeckt ist nicht mehr. Drei Gäste sitzen vor ihrem Kaffee, inmitten einer Wolke süßlicher Alkoholdüfte. Personal vom Schiff, die Jacken sehen so offiziell aus. Sein neues Regenzeug in signalgelb hängt einsam an der Garderobe.

Das zarte Kling-Kling im Spiegelbuffet schlägt ihm auf den Magen. Die Bedienung macht einfach weiter, scheint von hier zu sein. Guckt MTV als ob sie das Ganze da draußen nichts anginge. Wenn sie am Tresen über Kopf die Biergläser ordnet, tänzeln die Schlüsselbeine im Ausschnitt ihres fischfarbenen Pullis. Sie gähnt zu den Zuckungen einer Teenie-Band.

Er braucht etwas zu essen, bestellt und fragt nach der Verbindung. "Kann sein", sagt sie, "die fahren morgen früh mit dem ersten Hochwasser,  Extratour." Er nimmt was er genau kennt, ein Schnitzel mit Jägersoße, Pommes sind schon alle, na, dann mit Toastbrot. Weinschorle findet er auf der Karte nicht,  gut, Alsterwasser, so nennen sie das Radler hier. Stumpf ruckt der Teller in der Mikrowelle, das lenkt ihn ab.

Nach der Mahlzeit räumt die junge Frau sein Geschirr ab. Noch was? Er entscheidet sich für schwarzen Tee. Mit 'nem Schuss? Tee reicht ihm. Sie drückt auf die Knöpfe der Brühmaschine und stellt den Fernseher lauter.

Er sollte einfach zu ihr hinübergehen, um "die paar Schritte", kreisen seine Gedanken. Dann könnte er fragen, was sie sonst so mache. Ob sie an der Arbeit Spaß habe. Ob es nicht sehr einsam sei "hier oben im Norden." Wenn er damit durch wäre, könnte er von von seiner bislang vergeblichen Liebe zum Meer erzählen. Ihm würde da schon das Passende einfallen. Und Gefühle würde er schlußendlich bezeugen, "die Männer manchmal ankämen" und wie schön es sei, wenn dann jemand bei einem ist. "Einfach nur so – weißt Du!" Oder doch besser: "Wissen Sie!" ?

Am Ende bittet er in spröden höflichen Sätzen um eine Übernachtung. Kurz darauf geht der fischfarbene Pulli ihm voran zu seinem Raum eine Treppe tiefer, knipst das Licht an und legt den Schlüssel in seine ausgestreckte Hand. Und für den Bruchteil eines Regenprasselns auf dem Plastikvordach berühren drei sehr zarte Fingerspitzen das weiche Innere einer sehr gefurchten Handfläche.


© hertz