Durchs gläserne Meer

 

Durchs gläserne Meer

Er studierte die geheime Offenbarung, wartete er auf den Menschensohn, der mit den Wolken kommt. Als ich Jasper kennenlerne, lebt er bei seinen Eltern, verfasst Flugblätter. Auf ihnen steht, was er glaubt. Seine Eltern glauben das nicht. Jasper zieht aus.

Ich sehe ihn wieder, da ist er Schuhmacher. Er hat einen winzigen Laden gemietet, macht Reparaturen. Wenn er an der Nähmaschine sitzt, summt er ein Lied vom gläsernen Meer, gerettet am Strand harfen sie Hymnen. Ganz nahe ist das alles  - dort in der Werkstatt. Die Kunden glauben das nicht. Aber Jasper muss nicht ausziehen, denn seine Arbeit wird geschätzt.

Ich treffe ihn wieder nach drei Jahren. Jasper ist Jasper. Einer kommt auf den Wolken, sogar für den armen Schuster – das bleibt der Schatz aller seiner Tage. Da sei noch etwas, sprudelt es aus ihm heraus: Eine Frau mit der er verheiratet ist, mit der er zwei Kinder zeugte, sie ist der Schatz vieler seiner Nächte. Sie haben in einer Freikirche der Pfingstler ihre religiöse Heimat gefunden. Jasper tut sein Bestes, um für die Familie zu sorgen, wenig genug kommt dabei herüber. Ich sehe ihn vor mir in in seinem Laden: Um Strom zu sparen ist er auf seinen Werktisch gekrochen unter das Souterrainfenster. Dort thront er im Schneidersitz, beugt er sich über's Leder, sticht mit der Ahle, greift er zum Garn. Er habe manchmal Visionen und er könne Zungenreden, erzählt er – nicht nur mir. Die Kunden nehmen es gelassen hin, solange die Preise niedrig bleiben. Manche lächeln. Die Ärmsten kriegen auch mal ein Paar Sohlen geschenkt. Für den einen, der mit den Wolken kommt, würde er das genauso tun.

Beim nächsten Mal suche ich seine Werkstatt vergeblich. Ich will ihn zu Hause treffen. Seine Frau öffnet, verweint ihr Gesicht, will mich in die Lage einweihen, bevor Jasper kommt, obwohl wir uns nur flüchtig kennen: Sie erleben gerade eine Zeit schwerer Prüfung. Aus dem Laden sei er raus, ab und an arbeite er noch im Keller, schwarz. Aus der Pfingstkirche ebenfalls raus. Doch die hohe fremde Sprache habe er mitgenommen.Jasper stößt wie aus dem Nichts zu uns, blickt bohrend in meine Augen, sagt, die Zeit dränge, sie dränge: "Weißt du das?"

Bald danach lese ich, dass Jasper tot ist. Er soll es an den Nerven gehabt haben. Die Todesanzeige ist schlicht gehalten, zeigt oben ein Kreuz, darunter einen Bibelspruch, unten den Vornamen seiner Frau. Zeigt kein Paar Schuhe.


© hertz