Deadline

 

Deadline

Geredet hatte er. Drohgeredet. Strafgeredet. Kommt-mir-nicht-noch-einmal-vor-geredet. War ihm heiß geworden dabei. Und Merit nichts wie raus, tritt die Tür ins Schloss von außen. Es tut ihm die Schulter weh, es tut ihm der Arm weh, der linke. Muss sich hinlegen. Wird ihm alles schwarz.


Blaulicht blitzt ihn halbwach. Lichtfinger huschen übers Gesicht. Jemand sucht seinen Puls. Im rechten Ohr klacken Schnallen gegen Alurohre.


Das macht ihn ganz flatterig. Hört sich nach Lukas an das Geräusch, ja Lukas. Er sieht ihn durch die offenen Stufen die Stahltreppe hinaufstürmen. Mit seinen schlampigen Turnschuhen, ausgewalkt und über die Knöchel hoch, unter einer schlappen armeefarbenen Hose. Sein Klacken mit dem Rucksack am Geländer spricht viel zu laut, da guckt man doch hin. Nach oben, wohin er will. Lukas will zu Merit.



Das Klacken kribbelt jetzt unter seiner Schädeldecke. Er krabbelt auch nach oben. Klopft an eine Tür -  geht es nicht leiser, bitte, verdammt noch mal. Es fliegt ihm jemand entgegen, schwerelos. Und dann entspringen ebenso behände Mädchenbrüste seiner rechten Schläfe, eine Hand greift nach ihnen, sie aber hürdenlaufen zielsicher zur linken Schläfe. Er hätte sie gern von vorn gesehen, er ahnt schon, sie haben einen lilafarbenen Hof um eine bronzene Mitte. Von Ilona hat sie das nicht. Vielleicht die Gene aus der eigenen Linie. Die Schwester mal fragen - wie nur, ohne sich bloß zu stellen? Schade, man traut sich so wenig. Wohin das Rennen, wohin fliegt man? Merit.



Im Sommer waren sie noch alle an der See, wie früher. Im Sommer ließen er und Merit noch einmal einen selbstgebauten Drachen in die Höhe wie jedes Jahr. Das letzte Mal. Steht auf einmal nicht mehr am Himmel, abgestürzt, sie ziehen verzweifelt an der Schnur. Jetzt will er hoch, es geht nicht, kann doch nicht sein, ein Drachen der nicht hochkommt,es wird  etwas gebrochen sein, sie laufen ihn zu holen.



Schöne Stunden am Strand. Und dann wollte sie unversehens wissen, ob Opa auch zu den 68ern gehöre und auf den Demos gewesen wäre. Und wie das mit Scheinschwangerschaften wäre, einfach nur so wollte sie das endlich mal klären. Die Schwangerschaften hatte er lieber Ilona überlassen. Opa war einfacher: Seine politische Laufbahn war nach einigen Blessuren und einer versehentlichen Festnahme zu Ende gegangen. Am nächsten Morgen ging man Muscheln suchen wie in alten Zeiten. Diese Erinnerung beruhigt ihn. Er atmet gelöster, er meint das Meer zu riechen.


Merit. Ihre Brüste kommen nach einer Weile zurück, entsteigen jetzt in Stiefelchen seinen Nebenhöhlen und hopsen ab und davon, und dann – in’s Kinderbett, o nein. Er will sich hin- und herwälzen, da legt sich eine Hand auf seine Schulter, eine Stimme redet ihm gütlich zu.


Noch einmal der Sommer. Ilona und er, ganze Abende hatten sie für sich, nachdem Merit die Strandhaus-Disco entdeckt hatte, zuverlässig spät kam sie zurück. Scheue Abende waren das, warum nur, schade drum. Merits Disko bestand nur aus Lukas, jeden Morgen erfuhren sie es Brötchen kauend. Da fing er an zu beten, dass Lukas aus Augsburg kommen möge, oder meilenweit besser wäre Südtirol. Der Disko-Lukas wohnt zwei S-Bahn-Stationen entfernt. Und er lässt es am Geländer klacken. Und dann diese Schuhe.


Schweigen wir von Schuhen. Schweigen wir nicht ganz davon. Denn als sie ihn behutsam auf der Trage zudecken, sieht er zuletzt noch ein korrektes Leinenschuh-Blau an fremden Füßen und darüber ebenso korrekte weiße Hosenfahnen.

© hertz