Kobaltgrün

 

Kobaltgrün

Juli, hatte sie gesagt, jetzt im Juli. Mit meinem Freund bin ich ab heute für den Rest des Monats weg. Wir haben ein Häuschen am Strand. Aber ich komme wieder. Ich vergesse Sie nicht. Er fing ihren Blick auf. Sie musste ihn angelächelt haben, neben ihren wasserblauen Augen meinte er, zarte Fältchen bemerkt zu haben. Es fiel ihm immer noch schwer, einen Menschen direkt anzusehen. Sie beugte sich zum Abschluss über das Bett, um das verrutschte Gummituch festzustecken. Er starrte dabei auf ihren Rücken, auf jene vier Höckerchen, die man unter ihrer sommmerzarten Bluse hätte ertasten können. Und dann auf jenes blausilberne Bändchen, das sich eng an ihre Rippen presste und zu beiden Seiten des Körpers weit unter den Achselhöhlen nach vorne verschwand.

Nachdem sie die Tür geschlossen hatte und er allein war, dachte er nicht mehr ans Sterben. Er dachte ans Meer. Mit Isa sachte in die spiegelglatte See gestakt, mit Isa die Brandung entlanggeflogen. Mit Isa im Dünensand, bestreut und berieselt. Ihre Bändchen im Rücken waren von leichtem Gelb mit einer feinen rötlichen Naht am Rand. Und die Erhebung mit den Schließhäkchen war einfach zu bedienen, wunderbar einfach – und was hatte er sich vorher darum einen Kopf gemacht! Nachher waren sie furchtbar sandig, ganz und gar von oben bis unten, und fühlten sich lebensgesättigt für diesen Tag, sie spielten ein altes Pärchen. Sie schlüpften in ihre Sachen, er machte den Kavalier und öffnete vor ihr das große Badehandtuch als Blickschutz. Ach, Isa.

Er drehte sich vorsichtig, das Gummituch war ihm jetzt peinlicher als alles andere. Ihm fielen die Tiefen ihrer orangefarbenen Reisetasche ein, aus denen sie eine glatte Unterlage hervorzog,  um die Übernachtung im Ferienhaus vorzubereiten. Das muss ja nicht alles in die Betten gehen, war ihr Kommentar gewesen. Er war dabei schrecklich verlegen geworden. Zunächst, weil er kaum ahnte, was sie mit "alles" meinte, und dann, als er es ahnte, stieg eine Röte in beiden Ohren auf und eine Stummheit angesichts des Unaussprechlichen befiel ihn, von der zeitlebens nicht geheilt werden sollte. In der allzu langen Ehe später gab es ab und an ähnlich unangenehme Situationen für ihn, erst recht in den drei Schwangerschaften. Frauen sind irgendwie peinlich, war er überzeugt.

Juli, er hatte das Wort von vorhin wiedergefunden. Juli, weg sein, Fahrt ans Meer. Ob Isa wasserblaue Augen gehabt hatte? Er entsann sich keines Moments, ihr voll in die Augen geschaut zu haben. Schade, er bedauerte sich für einen Augenblick. Ob sie ihm in die Augen geschaut hatte? Er wünschte es in diesem Moment mit aller Kraft seines betagten Herzens. Wenn sie es nur getan hätte. Er setzte zum Seufzen an, obwohl ihm dabei das Bauchfell weh tut, das hatte er schon ausprobiert. Aber es muss geseufzt werden. Zu ihrem kastanienfarbenen Haar hätte ein Kobaltgrün gut gepasst. Wenn er damals meinte, über Isa Auskunft geben zu müssen, hatte er die Augenfarbe stets Kobaltgrün genannt. Er fühlte sich vom Meer zu den wildesten Phantasien ermächtigt. Wenn sie am späten Vormittag durch den Sand schlurften, erklärte er nebenbei das Leben. Isa hätte es genügt, einfach durch den Sand zu schlurfen, so weit ging seine Vermutung später, nach ihrer Trennung. Bald referierte er vor ihr über die Gezeiten, heimlich hatte er sich schlaugemacht in einem Heftchen für Touristen. Das wäre nicht nötig gewesen: Isa behauptete zu wissen, wie das Blut mit dem Mond gehe, alles andere wäre dann ja auch klar. Isa sammelte keine Muscheln wie er. Sie hatte kaum Lust auf Sandbauen. Es genügte ihr, in der Sonne zu liegen, sie war glücklich, in das An- und Abschwellen des Rauschens und Brandens hineinzuhorchen. Wenn sie mit ihm schlief, musste sie es so ähnlich empfunden haben, sagte er sich. Aber das war erst später, als Isa aus seinem Leben verschwunden war.

Sie meldete sich eines Tages mit einem seltsamen Gruß von einer Nordseeinsel, sie musste seine Adresse mühsam ausgegraben haben, Internet hilft. Er las, dass sie sich an jene Ferien an der Nordsee erinnert habe. An den Nachmittag in den Dünen, wie er ihr das Leben erklärt habe und die Gezeiten. Und dass sie viel gelernt habe über den Mann und das Meer. Er hielt den Brief vor seiner Frau versteckt. Wochen danach verbrannte er ihn in einem öffentlichen Mülleimer. Seitdem meinte er, ein Unrecht begangen zu haben. Es fing die Zeit an, in der sie niemals mehr zum Strandurlaub aufbrachen. Er entdeckte das Allgäu, wie er wissen ließ. Er sammelte Ansichtskarten von Neuschwanstein, ein Spezialist ohnegleichen, hieß es in Expertenkreisen.

Seine Kinder hatten eine Karte aus der Sammlung gerahmt und ihm mitgebracht, bald, nachdem er ins Heim gekommen war. Sie hing knapp über dem Bett. Wie er diese Karte hasste. Er könnte mit den Armen herumfuchteln und den Bilderrahmen herunterschlagen. Und dann klingeln. Vielleicht ist sie ja noch nicht weg in ihrem Häuschen am Strand. Sie käme zu ihm, um die Scherben aufzufegen. Er würde ihr dann sagen, dass er ein großer Liebhaber des Meeres sei und dass es bestimmt gut sein würde mit ihr in einem solchen Häuschen am Strand, so gut, wie es mit Isa auch gewesen war. Und dass er unheimlich scharf sei auf wasserblaue Augen, das würde er ihr sagen, es müssen ja nicht unbedingt kobaltgrüne sein. Da sei er tolerant.

©  hertz