Coole Tiere

 

Coole Tiere

Die froschgrüne Beute in die Hand gekrallt kommt das Mädchen zurück. Es ist ein Plastikgürtel bedruckt mit Figuren, die eiszeitlichen Felszeichnungen ähneln. Der Mann steckt ihn ein. Die Kleine verliert bald die Lust auf Sand. Also ab nach Hause.

Sie bewohnen ein Apartment. Dort scheint der Gürtel für das Mädchen nicht mehr interessant zu sein. Sie spielen eine Partie Elfer-Raus, das wird ihnen zu zweit schnell langweilig. Das Kind bekommt Fernseherlaubnis, so stellt es keine Fragen. Er würde ausweichend antworten müssen, das täte weh. Der Mann verschwindet in seinem Zimmer, holt den Gürtel hervor, wiegt ihn in der Hand, sinkt auf den Sessel, fühlt sich benommen, tagträumt: Frauenbeine huschen an ihm vorüber, Hüften schwingen, ein Frauenmund lacht ihn an. Die Kleine klopft an die Tür, der Film ist zu Ende.

Am nächsten Tag schlägt er vor, in das Städtchen zu fahren, im gemütlichen  Kaufhaus zu bummeln. Das Mädchen findet das gut. Der Mann steckt den Gürtel ein. Im Kaufhaus finden sie eine Kinderecke mit Videos. Das Mädchen ist von dort nicht leicht  wegzubringen, so war es geplant. Er fährt mit der Rolltreppe in die Damenabteilung, kauft eine Jeans in Pink. Zurück in der Wohnung wird es schon Zeit für die abendlichen Abläufe, die Kleine geht ins Bett, darf noch eine Weile in Büchern blättern.

Der Mann dreht den Schlüssel um. In seinem Schlafzimmer packt er den Einkauf aus, zieht den Gürtel vom Strand durch die Schlaufen, breitet die Jeans auf dem Sessel aus. Eine richtige Wahl, er spürt es. Er liegt auf dem Bett, starrt die Jeans an, schließt die Augen. Ruht. Bilder besuchen ihn: Eine Tür öffnet sich. Eine Frau wird ihm leibhaftig, tritt ein. Er zieht sie an sich. Sie macht ihm Augen, er macht ihr Augen, sie finden sich. Die Kühle auf seiner Haut weckt ihn viele Minuten später. Der Gürtel würde ihr gefallen, lächelt er befriedigt. Er geht ins Bad und kleidet sich wieder richtig an. Die Jeans schiebt er zurück in die Kaufhaustüte.

Der nächste Morgen ist so, wie ihn Feriengäste lieben. Sie haben sich vorgenommen, mit Schaufel und Eimer zu arbeiten, der Mann steckt ein zweites Paar Handschuhe für das Kind ein. Die Sandburg krönen sie mit angetriebenen Plastikflaschen, zuletzt schachten sie am Kanalbett. Die Arbeit wird nur halbherzig angepackt, sie ist schwerer als vermutet, das Mädchen hat nasse Handschuhe und dem Mann ist die Baulust abhandengekommen. Also stopfen sie die Gerätschaften in den Rucksack, holen die anderen Handschuhe heraus. Man stapft erschöpft zwischen grauem Schaumrand und leckenden Wasserzungen entlang.

Unvermutet fragt das Mädchen nach dem Gürtel. Unvermutet sagt der Mann die Wahrheit. Das Mädchen guckt eine Weile auf die Fülle der angeschwemmten Herzmuscheln, bückt sich, um ein paar davon aufzuheben, streift den rechten Handschuh ab. Es sucht seine Hand. Der Mann umfängt die Kinderhand, sie werden warm miteinander. Eng verklammert ziehen sie übers Watt. Man einigt sich auf ein bewährtes Lieblingsessen. Sie fahren in die Stadt, essen andächtig, machen Sätze, die nicht wichtig sind. Im Auto sagt das Mädchen: Cool, die Tiere auf dem Gürtel.


© hertz