Zwischen den Tagen

 

Zwischen den Tagen

Taufen wir's Fuerte, flachste er. Fand sie nicht gut. Fand überhaupt, was Albernes sei jetzt daneben und ihr ginge es dreckig und sie könne keinen gebrauchen, der solche Sprüche abließe. Ihre Stimme klang wässerig, geheult hatte sie also. Das war gegen die Spielregeln. Seine Augen gerieten in die Dessous der letzten Nacht, wie schlaffe Häute jetzt unter der Kiefernkommode, und der string-ouvert mit dem blinkendem Pfauenauge aus Strass-Steinchen spendete keinen Trost, hatte sich wieder verpuppt.

Er bemühte sich woanders hinzublicken, weit nach draußen. Woher sie denn das alles so sicher wisse, bloß ein paar Stunden später, könnte doch eine Einbildung sein. Was habe man da nicht schon alles gehört. Geschichten, weißt Du. Dabei bohrte er verbissen mit seinem Zeigefinger in den Luftlöchern der Hardanger-Decke. Sie blieb dabei: Was sie ahne das ahne sie eben. Schöne Bescherung, Herrgott nochmal, wozu denn bloß bezahlte sie so viel für diese Pille zum Kleben? Am zweiten Feiertag mußte sie das Pflaster gewechselt haben, jede Wette. Davon sagte er jetzt besser nichts, schlüpfte in seine Wetterjacke, stülpte die Kapuze über und machte sich auf, um Brötchen zu holen beim Kaufmann hinten an der Asphaltstraße.

Sie waren also nicht auf den Kanaren, der Danebrog wehte über vielen in den Dünen versteckten Grundstücken. Für drei Paare die Fahne der Freiheit und der nordischen Lockerheit, von der man sich Himmel was versprochen hatte. Die Kleiderordnung brechen und noch ganz andere Sachen. Sie meinten sich gut vorbereitet zu haben. Um bei allzu hitzigen Aktionen abwinken zu können, fehlte ihnen lange ein Kodewort, es sprang ihnen beim Ladenbummel in der Grenzstadt entgegen. Silvester in Fuerteventura war plakatiert, buhlte mit purzelnden Preisen: "Da hört doch alles auf ...". Massenflüge - pah. Und plötzlich sagte jemand, "Fuerte", das ist es!

Stunden später kamen sie endlich an in ihrer Ungezwungenheit. Sie fanden die richtige Stellung für den CD-Player, schwimmende Kerzen wurden zu Wasser gelassen, die Thermostaten hochgedreht und ab mit dem Champus in die Kühlung. Geflüsterte Flapsigkeiten, erglühende Ohrläppchen, bedächtig aus den Jeanswürsten herausgestiegen, sie sorgfältig zusammengelegt, man sah sechs akkurate Klamottenhügelchen. Dann das gemeinsame Duschen, weniger heikel als befürchtet, damals beim Jugendhandball war's ein bißchen genierlich. Diesmal fasste man sich an, nicht bloß kumpelhaft. Nach dem Ölen und Salben schlüpften alle in ihre luftige Party-Wäsche, unter Geheimnistuerei extra für diesen Trip angeschafft. Ein Spiel mit Luftballons lief wie vorher verabredet, "Hänschen piep einmal" - es hieß bloß nicht so - in der nächsten Runde ging schon nicht mehr. Bei Filmmusik mit vielen Streichern drängten sich endlich Häute an Häute, man zerrte aneinander, enttarnte die letzen Höhlungen, verrenkte sich irgendwie altindisch, Urlaute drangen herauf. Plötzlich ein höllischer Schmerz. Er verkrampfte sich, fluchte innerlich, doch ungewollt rutschte das Plakat-Wort über seine Lippen. Einen Augenblick später stieg ihm Feuerquallenröte ins Gesicht.

Es wurde abgebrochen wie vereinbart. Man duschte noch, einzeln diesmal, dann noch ein kleiner Whisky. Fernsehen - nein doch nicht mehr, Deutschland kam sowieso nicht gut. In das gereizte Schweigen des Raumes hinein knackten die elektrischen Heizkörper. Mit jedem Wort wurde gegeizt, sie hatten auf Körpersprache abonniert. Daß sie keine gemeinsames Haus hatten mieten können, erschien ihm im Moment wie ein Geschenk. Sie sagten beide wie auf Verabredung, daß sie nun gehen wollten. Morgen frühstücken zusammen - oder wie? Ach nein, lieber ausschlafen, erst mal den Tag für sich beginnen lassen. Sie zogen ab.

Drüben huschten sie schnell ins Bad und dann ins Bett und als die Sprache sich zurückmeldete, drängte sie sich an ihn, wühlte mutig in seinem Haar und sagte, daß er es richtig gemacht habe mit seinem Zwischenruf. Total richtig. Und sie wisse im Moment sowieso nicht ... und was die anderen anginge, na ja ... und ihre Mutter hätte immer gesagt ... Wortinseln schwammen im Raum, vom Strand her hörte man das Rieseln der feinen Kiesströme, die nach der Brandung zurück ins Meer drängten. Da fanden sie ganz schlicht zu einander, entspannten sich aneinander. So nach alter Elternsitte hätten sie vielleicht ein Kind gezeugt.

Beinahe bestellte er beim Kaufmann vier Fuerte statt der Weizenbrötchen. Was den nicht aus der Fassung gebracht hätte. Ferienhausgäste sind manchmal seltsam, das war ihm schon lange klar.


© hertz