Tod einer Henne

 

Tod einer Henne

Das rot gesperberte Huhn ist tot, es baumelt an ihrer Hand, einen Flügel gespreizt. Kreischend kommt Sigrun auf das Haus zugerannt. Sie habe das Huhn überfahren, deutet man ihr Schluchzen. Sie zeigt in drei Richtungen, irgendwo dahinten sei ihr blaues Fahrrad, viele kennen es in der Straße. Ein Modell mit tiefergelegtem Rahmen, damit sie mit ihren krummen Beinen besser aufsteigen kann. Sigrun trägt Werbezeitungen aus. Das wuchtige Fahrrad liegt neben einem dichten Zaun auf der Erde. Doch da ist eine Mulde unter dem Drahtgeflecht, das den Hühnerhof einfriedet, Fluchtgang für eine neugierige Henne. Alle helfen mit, die verstreuten Zeitungen einzusammeln; das Fahrrad muss den Lenker gerichtet bekommen, ist sonst in Ordnung. Sigrun erholt sicht unterdessen auf der Couch in der Wohnküche, den Helm nimmt sie nicht ab, er ist ein Kopfschutz bei Anfällen. Sie trinkt ein großes Glas Wasser auf einen Zug aus, jemand hält begütigend ihre Hand. Sie schläft eine Weile.

Sigrun von Walbach ging lange Zeit in die Behindertenwerkstatt. Ihre Eltern schickten sie erst als junge Erwachsene dorthin, meldeten sie an als »Fräulein von Walbach«, das meinten sie, ihrem Stand schuldig zu sein. Beim Sommerfest flüstert ein Anleiter ihr ins Ohr: »Ich mach Dich jetzt vom Fräulein zur Frau«. Ab dann weiß Sigrun darüber Bescheid. Als ihre Anfälle häufiger werden, reimen die Kolleginnen sich zusammen, was passiert ist.

Rascher als üblich wurde sie zum selbstständigen Leben »draußen« bestimmt, was den Eltern sehr recht war. Im Wohnheim darf sie bleiben, ihr Zustand verbessert sich. Sie bekommt ein Fahrrad, eignet sich für Botendienste, kleine Handreichungen. Man beschäftigt sie gern; nur mit dem Austragen der Morgenzeitungen hat es nicht geklappt, viel zu viele Schlüssel sind dabei in allzu kurzer Zeit auseinanderzuhalten.

Sigrun öffnet die Augen, die Panik ist von ihr gewichen, ihre Grübchen lächeln wieder. Die Sache mit dem Huhn bleibt letztlich unklar. Möglich, dass sie aus einem Schreck heraus umstürzte und das Tier dabei tödlich verletzte. Vielleicht aber ereignete sich tatsächlich ein Verkehrsunfall: "Fahrrad überfährt Huhn." Bei der Befragung erwähnt Sigrun einen Mann, der in seinen Wagen steigt. Sie habe das Auto von der Behindertenwerkstatt her gekannt, ein Herz mit drei Buchstaben an den Türen. Mehr sagt sie partout nicht.


© hertz