Stechginster

 

Stechginster

Sturm rüttelt am Stall. Drin die Lämmer ducken sich tief in die Mutterschafe. Kirsten würde sich auch gern hineinschmiegen, den grauen Umschlag vergessen.

Er hatte unter einem Stapel nie benutzter Wäsche gelegen. Sie entdeckte darin eine Geburtsurkunde mit ihrem Vornamen, von den Eltern war ihr nur der Mädchenname der Mutter geläufig. Als sie die amtlichen Briefe gelesen hatte, wußte sie Bescheid.

Seither Herzweh. Tat alles, um sich nichts anmerken zu lassen. Schließlich prüfte sie noch einmal ihren Fund, notierte was ihr nützlich schien. Am gleichen Abend forschte sie im Internet. Die nächsten Schultage kam sie später als gewöhnlich, hatte noch mit Unbekannten telefoniert und einmal war sie auf einem Amt gewesen, die hatten sie abgewiesen.

In ihr war ein Plan gewachsen. Der heutige Tag paßt zum Plan. Bis spätabends wird sie allein sein im Haus. Sie schlüpft in ihren Pullover, dann ins Regenzeug, zuletzt in die Stiefel, zieht die Kapuze stramm. Niemand wird sie sehen. Sie rennt gegen den Wind, verschwindet erleichtert hinter dem Knick und steht vor einer Kate, die sich ins Land duckt.

Bei Santa brennt kein Licht. Kirsten pocht ans Fenster, hinter dem sie eine Gestalt ahnt. Bald dreht sich ein Schlüssel, die Tür weht auf, das Mädchen huscht hinein. "Du weißt es also jetzt", Santa mustert sie. Kirsten schluckt und nickt. Sie wechseln von der Diele in die Küche.  Auf dem Tisch liegen grüne Karten mit goldfarbenen Zeichen. Santa zieht sie ans Fenster. Draußen die wilde Jagd. Beide frösteln im Luftzug, der durch die Ritzen dringt.

Sie rücken die Stühle und setzen sich. Santa hat ihren grünen Seidenschal umgelegt, ihre gefleckten Hände sammeln die Karten zu einem Packen. "Willst Du wirklich fragen?" Kirsten zieht einen gefalteten Zettel aus ihrem Ärmel. Sie legt ihn unter den Tisch. Die Karten gleiten durch Santas Hände, formen Kreuze und Kreise. Sie wirft eine Karte aus, ein brunnenrundes O. "Der Stechginster", murmelt Santa, "der Weg ist
eng, aber Du wirst ihn beschreiten können". Sie bückt sich zum Zettel, liest, schiebt ihn unter die Karte, zupft an ihrem Schal, lächelt, ermuntert. Kirsten will was sagen, eine Träne kommt, dann noch eine, sie wischt mit dem Finger darüber, das Make-up wird zum Tuschfleck. Dann legt Santa die Hände in den Schoß, Kirsten weiß, die Sitzung ist vorbei.

Zu Hause packt sie den Koffer fertig. Auf dem Telefontisch hinterläßt sie einen Zettel: "Liebe Mama, ich habe den Umschlag im Schlafzimmer gefunden." Bevor sie geht, wühlt sie im Bücherschrank nach dem Blumenbuch, sucht die Seite mit dem Stechginster, ratscht sie heraus, steckt sie in die Jacke.

Die Haustür fällt ins Schloß. Böen tragen sie zum Bus.

© hertz