Spring schon

 

Spring schon

Es hat genieselt. Drüben krabbelt ein junger Mann auf dem Dach, die Frau am Fenster beobachtet ihn schon eine Weile. Er kommt der Dachrinne zum Stürzen nahe, richtet sich halb auf und balanciert von einem Schneegitter zum nächsten. Auf der schiefen Ebene finden die Sportschuhe kaum Halt, rutschen fortwährend. Er schliddert abwärts, dann bekommt eine Hand das mittlere Gitter zu fassen, der Körper zieht sich daran wieder hoch, kauert sich dahinter. Lange passiert nichts.

Die Frau langweilt sich beim Zugucken, neulich bei der Sendung über den Stadtkletterer war das spannender, der ging sogar auf richtige Hochhäuser. Sie schließt die Gardine, dreht den Fernseher lauter, es sind die lokalen Nachrichten. Ein spontaner Streik, der Unfall auf der Bundesstraße mit grässlichen Fotos, ein Überfall im Stadtpark mit einem Handtaschenraub. Werbung. Das Wetter. Sie schlurft wieder ans Fenster, zupft die Stores auseinander. Er ist immer noch da, hält etwas an sich gedrückt wie eine Beute, sie meint das deutlich zu erkennen. Er schiebt es unter sich wie ein Sitzkissen, nestelt an seiner Kleidung herum, sucht den Anorak ab, findet offenbar, was er braucht, zündet sich eine Zigarette an, bläst den Rauch in ihre Richtung.

Sie tritt einen Schritt zurück, bleibt auf Beobachtungsposten. Die glimmende Kippe schnippt er im weiten Bogen nach unten, nimmt das Päckchen, schickt sich an, weiterzuklettern. Zwei Passanten sind stehengeblieben, gestikulieren, brüllen etwas nach oben. Der Mann streckt sich nach den Stimmen aus, als ob er darauf gewartet hätte wie auf einen Ruf, übersteigt das Schneegitter, umklammert das Metall mit einer Hand. Die andere hält eine Tasche, da ist sie sich sicher, die Damenhandtasche aus dem Stadtpark. "Warte, Dreckskerl, das sollst Du büßen!", zischelt sie. Der Mann auf dem Dach ruft etwas drei Stockwerke tief hinab. Mehr Menschen sammeln sich vor dem Haus. Einige zücken ihre Handys, ein Fotoblitz flammt auf.

Die Frau zieht die Gardine weiter auf, als Blaulicht in ihr Fenster schlägt, ein Martinshorn hat sie nicht gehört. Aus dem Feuerwehrfahrzeug mit der Hubleiter springt eine junge Uniformierte mit einem Megaphon, das sie sofort an den Mund setzt. Die Frau würde gerne genau zuhören, aber das Fenster kann sie nicht öffnen. Laute Wortfetzen dringen zu ihr, dann wieder horchen die Leute zum Dach hinauf.

Die Frau versteht nichts, reimt sich was zusammen. "Nun spring schon, Junge!" Doch er springt nicht. Zwischen oben und unten muss es eine Vereinbarung geben, das  empört sie: "Lass dir von denen nichts einreden!". Es fährt ein weiterer Wagen vor, diesmal hört sie das Martinshorn, jemand im Kostüm steigt aus, "die Mutter von dem Früchtchen", glaubt die Späherin. Die Feuerwehrstimme und der Mann auf dem Dach tauschen noch ein paar Sätze aus, dann darf die Mutter ans Megaphon. Schließlich laufen vier Feuerwehrmänner mit einem Sprungtuch unter die Traufkante, von oben fällt ihnen ein flacher, brauner Karton entgegen, prallt unsanft auf.

Die Frau hinter der Gardine ist enttäuscht, er ist nicht gesprungen und das sieht nicht nach einer Handtasche aus. Die Frau im Kostüm greift nach dem Karton, während der Hubkorb mit einem Feuerwehrmann am Schneegitter anlegt.


© hertz