Itzig & Nickels

 

Itzig & Nickels

Itzig und Nickels, zwei Obdachlose, sind unterwegs in Norddeutschland. Ihre Freundschaft bewährt sich trotz Widrigkeiten. Episoden aus ihrem Leben am Rande der Gesellschaft werden schelmisch-nüchtern ausgemalt. Der Autor zeigt keine Absicht, an den beiden "herumzubessern".
Es ist eine Geschichte von Männern, die ab und an durchaus ihr Herz am rechten Fleck haben.

Pilsen und Grillen

"Dawai!Dawai" brüllt es mit erstickender Stimme unter einer speckig glänzenden Joppe. Eine Bohnenstange von Mensch krallt daraufhin noch fester die Griffstange des blau lackierten Einkaufswagens, seine Hosenbeine werden an den Waden von zwei Wäscheklammern zusammen gehalten. Er kämpft sich bergauf, im Wagen die menschliche Fracht, die ihn anfeuert, darunter eine Batterie von Bierflaschen und am Kopfende ein Billig-Grill in Plastik verschweißt. Nickels gibt alles, was er hat, das ist wenig. Seine Schuhsohlen ohne Profil sind glitschig, finden keinen Halt auf der geklinkerter Auffahrt zum Deich. Die Rädchen des Einkaufswagens beginnen für sich zu denken, da kann keiner mehr gegen an. Der Wagen kippt, das Oettinger-Pils kullert schneller und schneller wieder landeinwärts, es gibt wundersamerweise keine Scherben. Auf den roten Steinen hingekugelt liegt der Itzig, seine dicke Joppe hat den Sturz gemildert. Nach zwei Schrecksekunden folgt ein Wasserfall an russischen Flüchen. Schließlich fasst er nach seinem Käppi und rappelt er sich hoch, sein T-Shirt sprüht Funken in der Sonne, es zeigt das Blau einer norddeutschen Fußballmannschaft, in der Mitte eine Raute.  Er bekreuzigt sich mehrfach und gibt dem Einkaufswagen doppelt so viel Fußtritte. Noch ein Fluch, der Wagen rührt sich kaum mehr, aber jetzt schmerzt der Fuß. Nickels begütigt ihn mit schmeichelnden Lauten, wie man das bei Kühen macht, die im Melkstand nervös werden. Der Bauer hat's ihm beigebracht, bei dem er sich manchmal ein paar Euro verdient. Jetzt geht es nicht um  Milch, sondern ums Bier. Da begreift schließlich auch Itzig, dass alles in Ordnung ist, Hopfen und Malz längst nicht verloren. "Wir müssen nochmal runter, die Flaschen holen", überzeugt ihn Nickels.

Wieder am Deichfuß sammeln sie behutsam das Bier zurück in den Einkaufswagen. Obenauf dann der Grill. Ungefragt bekräftigt Itzig zum zweiten Mal halb deutsch, halb russisch, dass er ihn auf dem Parkplatz gefunden habe als er draußen warten musste und nicht mit rein durfte. Nickels schlenderte zu gleichen Zeit zum Supermarkt hinüber. Ein Pärchen in Shorts und bunten Hemden kam ihm entgegen, sie rauchten. Nickels blieb stehen. "Einen schönen Tach auch", wünschte er den beiden. "Ham se nich ne Fluppe für mich?" Er bekam zwei und die beiden ein Dankeschön.  Drinnen erbettelte er eine Tüte "Knochen für den Hund" mit allem Charme, zu dem er fähig ist:  "Bitte sehr, richtig voll, ich hab' noch 'n Kumpel bei mir, der is noch Anfänger".


Den "Anfänger" hatte er vor kurzem im gleichen Supermarkt kennengelernt, sie mussten anstehen beim Pfandautomaten. Einer mit Käppi war vor ihm dran, ein Neuer aus Russland, der auch zur Tafel kommt. Nickels war beleidigt, dass "der aus dem Kreml", wie sie ihn getauft hatten, nicht zuerst grüßte. "Hey, du Matroschka!" rief ihm Nickels zu, das einzige russische Wort, das er kannte. Itzig ließ sich nicht erschüttern. Aus seinem Sack holte er Flasche auf Flasche. Als das erste Dutzend voll war, hellte sich Nickels Miene auf, jetzt hielt er den Neuen für eine interessante Erscheinung. Es knirschte und quetschte in der Plastikpresse noch eine Weile weiter. Der Bon zeigte ein ansehnliches Sümmchen. "Klasse Typ. Kann man was mit anfangen" flüsterte Nickels vor sich hin. Was er auch tat. Seit dieser Begegnung sah man sie gemeinsam umherstreifen.

Die Bierflaschen sind nun alle wieder im Einkaufswagen. Nach dieser Anstrengung müssen die beiden sich erst mal einen genehmigen. Fürs Genehmigen haben sie den Flachmann dabei, drei Finger hoch lassen sie noch für später drin. Anschließend will Nickels besprechen, was gerade passiert ist. "Wieso bist du eigentlich in den Wagen gestiegen?" Itzig zuckt die Achseln. "Wieso musste ich den Knochenjob des Schiebers machen?" Wieder ein Achselzucken. Itzig rückt sein Käppi auf dem Kopf zurecht. "Wieso stehen wir noch hier rum?" Itzig zuckt noch einmal die Achseln. Nickels beendet die einseitige Diskussion mit einem kräftigen Furz. Itzig grinst. Jetzt holen sie wieder den Flachmann raus, es gilt sich einen zu genehmigen. Nun haben sie keinen mehr.

Gemeinsam-brüderlich diesmal bugsieren sie den Einkaufswagen
auf die Deichkrone. Abwärts wäre ihnen um ein Haar wieder ein Malheur passiert, als sie einem Radfahrer auswichen. "Müsste verboten werden", knurrt Nickels. Der Seedeich ist unten mit Granitbrocken und Bitumenguss gesichert. Darüber schlängelt sich ein graues Endlosband, das im Horizont verschwindet, der Fahrweg für die Wasserbauer. Dorthin soll der Einkaufswagen und dann noch bis zur ersten Bank. Die 100 Meter schaffen sie auch noch. Über der Bank ein Fahnenmast, die Landesfahne ist aufgezogen, arg sturmzerfetzt. Heute herrscht Windstille. Sie packen den Grill aus und kriegen ihn tatsächlich in Gang. "Luxuspaket - Alles dabei" steht auf der Packung, so ist es. Grillkohle finden sie und Anzünder, eine Plastikzange sowie Besteck, Servietten und Universalwürze. Itzig wirft die Verpackung achtlos weg, Nickels deutet gebieterisch auf den Abfallkorb. Der Kumpel gehorcht, bückt sich, stöhnt dabei, legt seine Hand anklagend auf den Rücken. Wie zur Belohnung zieht Nickels die Knochentüte aus der Jacke, ja die Fleischfetzen sind doch ganz ordentlich.

Vor der Mahlzeit köpfen sie eine Oettinger und dann mümmeln beide an den Knochen herum. Fehlt noch ein klassischer Sonnenuntergang im Meer. Ist noch nicht so weit, sie haben fast noch das Sechs-Uhr-Läuten im Ohr. Itzig und Nickels sind satt und zufrieden, wollten eigentlich in die Stadt laufen, aber nun beschließen sie, hier auf das abendliche Himmelsspektakel warten. Zudem finden sich noch zwei Knochen in der Tüte, die man auf den Grill packen kann, "hoffentlich reicht die Glut noch." Sie reicht. Danach gibt's die beiden Zigaretten, von denen Nickels bisher nichts erzählt hat.


Zu trinken haben sie heute reichlich, redlich und fleißig erworben. Dank eines Open-Air-Konzerts im Stadtpark waren sie überaus erfolgreich gewesen bei der Suche nach weggeworfenen Pfandflaschen. Beim Konzert selbst drängten sie sich zwar bis ans Randalegitter vor, tigerten aber wenig später zweimal um die Absperrung herum und dann zurück in die Einkaufstraße. Das war nicht ihre Musik. "Total bekloppt", urteilte Nickels, "Walzer ist schöner." Itzig war's recht. Für ihr Sammelgeschäft kehrten sie wie immer erst anderntags am Morgen zurück und durchkämmten systematisch alle nächtlichen Heimwege der Partygänger. Itzig lief bei solchen Unternehmungen zur Hochform auf. Er hatte auch das weite Grün hinter dem Parkhaus in sein Herz geschlossen, dort trudelten die leeren Plastikflaschen vom Wind getrieben hin und her. So was bringt eindeutig mehr, das wusste Itzig von der ersten Minute an. Aber auch Nickels Gelderwerb hatte sich gelohnt. Unter den vielen Konzertbesuchern sind wohl auch jene gewesen, die sich eine Obdachlosen-Postille bei Nickels kauften und den Umsatz in die Höhe trieben. Immer freitags und samstags hat er Dienst, das sind nicht so gemütliche Tage wie heute am Deich.

Seinen Mann stehen

Nachdem alles durchgesprochen ist, selbst das, was nur im Entferntesten zum Picknick gehört, lassen sie den Tag überhaupt noch einmal Revue passieren. Im Grunde ist das ein Monolog von Nickels, denn Itzig kommt mit seinem Deutsch nicht so richtig heraus, seine Rolle füllt er aus mit Kopfnicken und Gestikulieren. Bei einer der Pilsrunden traut sich Nickels, den Kumpel wegen seines Namens zu befragen. "Lachhaft", sagt er, wäre so ein Name für einen richtigen Mann, "um das mal ehrlich zu sagen." Itzig braust auf und will sich auf der Stelle ganz ausziehen, um seinen richtigen Mann zu stehen. Nickels meint, das wäre nicht nötig und legt ihm kameradschaftlich die Hand auf die Schulter.

Sie gucken in die Stille. Auf einmal springt Itzig auf. "Warten", presst er zwischen den Zähnen heraus. Daraufhin entledigt er sich seiner Joppe, leert die beiden Innentaschen vollständig: Zwei, drei Münzen legt er ins Gras, einen fliederfarbener Eislöffel, einen Kugelschreiber mit einem roten Sparbüchsen-Symbol, ein paar gefaltete Papiere mit abgescheuerten Rändern, und am Ende fischt er noch eine amtlich aussehende Karte heraus, die hat er gesucht. "Lesen!", befiehlt er Nickels. Der sieht zuerst nur einen fetten runden Stempel, bis Itzig seinen Zeigefinger auf einen verblassenden Eintrag legt. Deutlich steht dort "Thomas" , der Nachname ist nicht genau zu entziffern, in der nächsten Zeile das Wort "deutsch" und ein Geburtsdatum und schließlich ein Ortsname, Nickels versucht ihn laut zu auszusprechen, scheitert jedoch. Itzig übernimmt und lässt nicht wieder los.

Es kommt nicht mehr alles auf Deutsch, er ist aufgeregt. "Krieg. Mamutschka weg mit mir", radebrecht es aus ihm heraus, er holt neuen Atem, "Dorf jiddisch." Bröckchenweise redet er weiter. Am Ende meint Nickels zu verstehen: Der kleine Thomas und seine Mutter hielten sich in einem Dorf versteckt, das früher nur jüdisch bewohnt war. "Und wie ist das nun mit deinem Namen?", bohrt Nickels erneut. Der stammt schon aus dem Spätaussiedler-Lager Friedland. Als "Itzig" hatten die Kollegen ihn angefrotzelt – wegen seiner Herkunft aus einem Judendorf. Irgendwann habe er sich ein Käppi besorgt und den Itzig auch machen gewollt.


Nickels fällt nichts ein, was er jetzt sagen mag. Er bückt sich umständlich hinunter, fummelt an dem dicken Bindfaden herum, der seine Schuhe zusammenhält. Schließlich räuspert er sich, hat irgendwas im Gesicht, sucht was zum Abwischen, vergeblich, reibt sich die Nase, schnäuzt sich mit der Hand, fährt die Finger durchs Haar. Seine linke Schuhsohle mahlt unablässig den Sand unter der Bank.

©  hertz

Mehr über Itzig & Nickels im Erzählungsband "Männer auf Achse"