Bullerbü

 

Bullerbü

Endlich, der blühende Raps und die See. Sie gönnt sich eine Pause. Nur noch der Sprung über die Förde. Auf der anderen Seite am Wasser liegt das rote Holzhaus in einem großen Garten hinter einem Staketenzaun, wie in Bullerbü. Sagte jedenfalls der Buchungsprospekt. Flüchtig hatte sie ihn durchblättert, Einzelheiten waren unwichtig. Hauptsache weg.

Sie hatte gehofft, einen Parkplatz mit Aussicht anzusteuern, direkt vor einer Brücke. Leider kein Panoramablick. Auf dem Handlauf des Geländers prangen die üblichen Graffiti: F-Wörter, Herzen, Namenskürzel. Zwei Käfer paaren sich vor ihren Augen, rückwärtig ineinander verhakt, wie ein Wesen, die zwölf Beinchen vom Leib flach weggestreckt. Sie findet es nach einer Weile geschmacklos ihnen zuzusehen. So geht sie zum Auto zurück, sagt sich, daß sie eine Jacke anziehen solle, der Wind sei doch noch kühl. Zurück am Geländer sieht sie die beiden nach wie vor bewegungslos an gleicher Stelle. Als ob sie gewartet hätten, huscht es ihr durch den Kopf.

Da wäre kein Frust wegen Männern, bestätigt sie sich selber. Andere Belastungen gebe es genug: Die Routine der Arbeit, das Einerlei der Tage, die Abendtermine im Fitness-Studio, die ermüdende Pflege alter Freundschaften, die trägen Telefonate mit den Eltern. Das Haus hätte sie doch bloß nach Sympathie gewählt, nichts weiter, redet ihr die Erinnerung zu. Es mußte zum Träumen einladen, sie wollte mal so richtig den Tag vergeuden, zwei, drei alte Romane lesen, die sie früher schon zum Heulen gebracht hatten, und dann Laufen nach der flotten Broschüre eines Sportarztes, der so ungemein sympathisch auf dem Umschlag aussieht.

Sie schlendert bis ans andere Ende der Brücke, stellt fest, daß unterhalb ein Bahngleis läuft, überrankt von struppigem Gebüsch, dazwischen verdreckte Plastiktaschen von ALDI, die Scherben verschiedenster Flaschen. Die Schwellen wie alte Gesichter.

Als sie umdreht, nimmt sie sich vor, dem Schicksal der Käfer gegenüber gleichgültig zu bleiben. Was ihr nicht gelingt. Denn es gibt nun kein Paar mehr. Nur einer der Käfer verharrt noch immer wie vom Bannstrahl getroffen auf der Stelle. Der Zurückgebliebene rührt spontan ihr Herz, vielleicht neigt er zum Frieren, ist ihr erster Gedanke. Können Käfer überhaupt frieren? Und sie hätte auch gerne gewußt ob Männchen oder Weibchen ihr Mitleid erregt, aber sie hat keine Ahnung, wo man dafür bei Insekten nachgucken muß. Ohne weiter nachzudenken beugt sie sich hinab und behaucht den einsamen Käfer mit Hingabe, wie bei den Marienkäfern der Kinderzeit. Sie ist glücklich, als er sich zäh zu bewegen beginnt.

Als sie sich wieder ins Auto setzt, will sie nicht mehr nach Bullerbü.

© hertz